Unterwürfelte Welten

Alois Neuhold & Rudolf Pointner


Eröffnung: Donnerstag, 12. Februar 2004, 19 Uhr

Ausstellungsdauer: 13. Februar – 3. April 2004

Öffnungszeiten:
Di – Fr: 10 – 13 Uhr, 14 – 18 Uhr; Sa: 10 – 13 Uhr

Die erste Ausstellung im heurigen Jahr ist zwei steirischen Künstlerpersönlichkeiten unterschiedlicher Generationen gewidmet: dem Altmeister Rudolf Pointner und Alois Neuhold. Trotz der zeitlichen Distanz von fast einem halben Jahrhundert, der beide Künstler trennt erkennt man in ihren Arbeiten sehr viele ähnliche künstlerische und ideologische Ansatzpunkte.

Die farb- und ausdrucksstarken Arbeiten beider Künstler zeugen von intensiver Erzählfreude. Die nicht immer auf den ersten Blick enträtselbaren Gegenständlich aber nicht der realen Wirklichkeit entnommen. Nicht immer auf den ersten Blick lesbar Motive bärgen ein Rätsel, sie sind doppeldeutig und Hintergründig. Trotz der generationmäßigen zeitlichen Gegensätze ergänzen sich die präsentierten Arbeiten und bieten eine spannende Gegenüberstellung zweier starken individuellen Positionen innerhalb der steirischen Kunst. Motive stammen aus Bereichen der Märchen, der Poesie und der Phantasie gepaart mit historischen Hintergründen.

So manches Bildwerk erinnert an fremde Kulturen, wie die der Maya oder Inka. Sowohl Pointner als auch Neuhold sind Individualisten ihrer Kunst, die sich keiner bestimmten Richtung zuordnen lassen. Interesse für Arbeiten von Paul Klee. Neuhold schrieb während seines Studium der kath. Theologie, eine Diplomarbeit über Paul Klee. Pointner stellte 1955 in seiner langjährigen Funktion als Präsident der Sezession Graz erstmals Arbeiten von Paul Klee in Graz aus.

Der Poet unter den Malern, Alois Neuhold, ist bei der Weihnachtsausstellung 1998 in der Galerie Schafschetzy Studio zu Gast. Der Steirer präsentiert seine gewohnt kunterbunten Bilder diesmal teils auf Leinwänden, teils auf Papier, sodaß sie – auf diesem Malgrund – an Votivtafeln erinnern. Formal trifft dies auch zu, aber inhaltlich schlägt Alois Neuhold, der bereits zum wiederholten Mal hier ausstellt, dem Betrachter ein Schnippchen. Seine bunten Kunstwerke sind hintergründiger, als sie a priori scheinen. Eine Hilfe zur Entschlüsselung manch rätselhafter Motive bieten die Titel; da lautet es etwa: „Herzoffenblättrig stehen sie da, die unglücklich Verliebten“, „Über den Dächern ist das Leben wohl hundeweich“, oder „Der Sternhorchende und sein stilles Melonenschinakel“.

Auch was die Motive angeht, ist Alois Neuhold äußerst erfinderisch: Diese vielschichtigen Komponenten in einen Farbtopf getaucht und auf Leinwände fixiert und schließlich mit den eigenen – oft recht kritischen – Gedanken des phantasievollen Künstlers Neuhold vollendet, reichen aus, um bei einem Rundgang in der Galerie in eine Welt der Träume und der Phantasie einzutauchen.

Der Bilderspinner von St. Morgen
Alois Neuhold

Es war einmal ein Bilderspinner. Er lebte in einem Gartentopf nahe bei St. Morgen. Dort malte und pflanzte er Bilder und Blumen. Zeitmaschige Kunsthubschrauber und Trenduntertassen konnten ihn nicht erreichen, denn er war nicht von hier. Er war auch nicht von wir. Die Unterstüberl früher Kulturen waren ihm näher als die Plastiküberzieher des 20. Jhds.

Der Bilderspinner war ein Farbfädelspinner. Fast täglich knüpfte und webte er aberviele Stunden und Sterneimer eine Schicht um die andere, ein Mondfässchen unter das andere. Er malte vorwiegend kleine Bilder, oft sogar sehr kleine. „Die Luke des Lebens ist klein. Nur unvermurkste Kinder und Ameisen gelangen in dieses Himmelreich“, pflegte er zu sagen. Und: Seine Bilder waren äußerst dicht und farbig gesponnen. So energiegeladen müssen sie sein wie Samensonnen, so prachtfarbern wie Blütenbottiche, so transparentgläsern wie Regenbogenfedern. Übrigens: Der Bilderspinner war ein Kleinneffe und Großfakir des regenbogenjonglierenden Walnussmalmeisters.

Der Bilderspinner malte sehr sinnlich und figurativ. Alles hier auf Erden musste konkret Leib, Fleisch und Gestalt annehmen. Abstraktes Herumirren und Schwirren mag im späteren Jenseits vielleicht eine gewisse Bedeutung haben, dachte er. Trotz überquellender Farb-Form und Linearfülle waren seine Bilder äußerst streng und genau komponiert. Jedes winzigste Strichchen musste am richtigen Stuhl sitzen und platzen. Da war kein Raum für beliebiges Dahinkrähen.

Das Viele zu seiner Zeit Gestaltete bewegte ihn wenig. Das Meiste schien ihm zu zeithastig und saftschwach, zu großeinfach und medienflott, mit zu wenig Leib- und Lungeneinsatz gefüllt. Er wusste aus eigener Erfahrung: man müsse sich einkasteln und einsiedeln, machmal auch einsieden und an seinen Bildern Kniee, Seele und Geist gründlich durchscheuern, wenn was Tieferes herausschauen soll.

Der Bilderspinner sah seine Bilder als Glasfenster einer unterwürfelten Welt, aber auch als Energiebündelfelder, als Wunschwundertafeln, als Zauberbehältnisse und Schaukästen in ein schillernd pulsierendes Figurium, als Farbkarrenleiter ins große Erdeini- und Himmelausitheater. Sie schienen ihm auch eine notwendige Korrektur zum Allzuzeittrüblichen und Üblichen seiner Zeit. Ganz gegen so manches Zeitgeratter glaubte er noch an die magische Kraft und Wirkung handgemalter, vielfach und lange durchstrickter, durchwerkter und mit Herzbein durchwirkter EchtzeitleibBILDER.

Und da er nicht gestorben ist, malt und spinnt er unbeirrt weiter bis an sein seliges Ende. Und dies nicht aus naiver Dummgläubigkeit, sondern aus tiefer Überzeugung und innerer Einsicht