WOLFGANG WIEDNER

ASYL

Eröffnung:
Donnerstag, 1. Dezember 2005, 19 Uhr

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Ausstellungsdauer:
2. Dezmber 2005 bis 14. Jänner 2006

Öffnungszeiten:
Mo – Fr: 10 – 13 Uhr, 14 – 18 Uhr; Sa: 10 – 18 Uhr

Die Motive des Malens – aus einem Interview mit A. Kirchengast*

An der Vorstellung des Malens haftet gemeinhin etwas „Auratisches“. Bei Ihnen hingegen hieß es beruflich schlicht: Fußball oder Malerei.
Das ist eine kokette Überspitzung. Ich habe zwar immer gerne Fußball gespielt, wollte aber schon seit meiner Kindheit Maler werden. Das Fußballspielen war eine Möglichkeit, mit Gleichaltrigen der Umgebung aus verschiedenen sozialen Milieus zusammen zu kommen, es war Freizeitgestaltung und Sozialisation zugleich.

Die Idee zu malen war weniger mit der Idee des Künstlertums verbunden als mit der Befriedigung eines primären Bedürfnisses?
Malerei hat mich schon sehr früh in Staunen versetzt. Zugänge zu ihr gab es sogar im ländlichen Leben der 50er Jahre, vorwiegend im kirchlichen Bereich. Da waren billige Öldrucke der Nazarener in Kapellen oder vergilbte Altarbilder in der Ortskirche, die mich zum Zeichnen und Malen anregten. Und wenn man dann als Kind für ein gewisses Talent Lob erfährt ist die Sache so gut wie entschieden. Nach der Matura bin ich dann an der Akademie in Wien aufgenommen worden, was eine sehr wohltuende Selbstbestätigung war. Ich fühlte mich sogleich erhoben in den erlauchten Künstlerstand, aber so einfach gings dann auch wieder nicht!

Hatten Sie schon als Kind Vorstellungen vom Künstlerdasein in einer Großstadt?
Ich hatte eine vage Ahnung von Freiheit, Nonkonformismus und lustbetontem Bohêmeleben. Dass man aber auch hart arbeiten muss, war mir nicht bekannt.

Der Schritt von der steirischen Provinz, von Riegersburg nach Wien war dann nicht nur ein großer Schritt in Kilometern gemessen…
Ja, am Land war das Leben noch von einem Nachkriegskatholizismus und von der Kriegsgeneration geprägt, es herrschte eine rigide Moral, Unverständnis und Repression – und das Erziehungsmittel des schlechten Gewissens diente als perfides Herrschaftsinstrument. Die Studienzeit in Wien war tatsächlich der Eintritt in die Freiheit durch Kritikfähigkeit.

Nach Studienende haben Sie – wieder zurückgekehrt – einen Bauernhof gepachtet. Was hatten Sie denn dort vor?
Ich wollte in einem Vierkanthof meinem Sohn eine schöne Kindheit inmitten der Natur angedeihen lassen, ähnlich wie ich sie hatte. Das war natürlich angesichts der veränderten Zeiten eine Illusion. Aufgrund seines Schulwechsels auf das Oberstufengymnasium sind wir nach Feldbach gezogen. Für ihn wie für meine Frau war das eine geglückte Flucht.

Heute leben Sie wieder einen Steinwurf vom Krankenhaus entfernt, in dem Sie geboren wurden…Sind Sie ein Stadtflüchtiger?
Nach den Jahren in Wien hatte ich einen gierigen Hunger nach Natur, und zwar der meiner Kindheit, entwickelt. Offenbar finden gerade in der Kindheit starke Prägungen für das Gefühlsleben statt, die für das restliche Leben Leitmotiv bleiben. Ich hatte nach Ende des Studiums nicht das Gefühl, mich in der Großstadt besser entfalten zu können. So habe ich meine berufliche Entwicklung Anfang der 80er Jahre auf dem Land begonnen.

Und das städtische Leben, ist das nicht wesentlich für den Diskurs? Die Eingliederung in die heutige Lebensstilgesellschaft?
Ich fahre zwar sehr gerne in die Stadt, um mich zu informieren und zu bilden, aber in ihr zu leben, dieser Gedanke löst in mir nach wie vor Unbehagen aus und für Lifestyle habe ich gar nichts übrig.

Ist Ihr Lebensstil Kommentar, Experiment?
Mein Leben ist meine Arbeit und vice versa. Die Lebensweise ist von der Malerei bestimmt. Begleitet von einem gerüttelt Maß an Selbstkritik lasse ich mich einfach treiben in diesem schrecklichen Reich der Schönheit – wenn sich ein Bildmotiv aufdrängt, dann setze ich mich ihm einmal aus, ohne mich gleich rational zu zensieren. Wenn sich etwas leichter malt ist es angenehmer als etwas Herausgewürgtes – und Lust auf die Arbeit ist überhaupt das Beste! Wenn man ein Bildmotiv hat, das sich in gelungene Malerei umsetzen lässt und andere finden das gut, was will man mehr?

Hat Ihre Karriere durch Ihr Bedürfnis nach Natur gelitten?
In der Malerei lässt sich glücklicherweise nichts erzwingen. Nachdem während des Studiums ein sinnentleertes abstraktes Komponieren verbindliche Vorgabe meiner Meisterklasse war, interessierten mich ästhetische Theorie und Gesellschaftspolitik bald mehr als das zur Routine verkommene Malen. Nach Studienende hatte ich dann das Gefühl, wieder von vorne beginnen zu müssen, um mich selbst zu finden. Irgendwann ist Wilfried Skreiner, der damalige Direktor der Neuen Galerie, auf mich aufmerksam geworden und hat mir dankenswerterweise wichtige Türen geöffnet. Es ist also möglich, fernab vom Kunstbetrieb zu leben und die Malerei ernährt den Maler samt seiner Familie.

Bislang haben wir nicht darüber gesprochen, wie Sie als kritischer Kopf, diese Einstellung auch über Ihr künstlerisches Tun vermitteln – oder vertreten Sie reine Bildästhetik?
Dass unsere Gesellschaft durch Medialisierung und Kommunikationsüberreizung abstumpft ist evident geworden. Hier tut Kunst not. Der Maler kann auf Dinge hinweisen, die einen zwar ständig umgeben aber nicht mehr wahrgenommen werden. Wenn ich überhaupt ein Postulat machen will, dann dieses, auf Dinge hinzuweisen, die da sind. Deshalb kann ich auch, unter anderem, nicht abstrakt malen. Sehen heißt wahrnehmen, Dinge erfassen und begreifen, um sich ein sinnengeschärftes Urteilsvermögen aneignen zu können.

Seit Sie dem Fluss Raab näher sind, finden sich in Ihrer Malerei neben Interieurs, Gegenständen Ihres privaten Gebrauchs, Pflanzen, Obst nun auch Landschaften.
Der Landschaft konnte ich mich in den letzten Jahren allmählich annähern und da kam mir der Auwald entlang der Raab sehr gelegen, weil ich in ihm einen Wildwuchs betrachten konnte, in dem sich Flora und Fauna ziemlich ungehindert entfalten können. Wenn mir der Lärm in der Umgebung meiner Werkstatt zu viel wird, ergreife ich auf dem Fahrrad die Flucht und ziehe mich in die Raab-Auen zurück, die mir dann ein erholsames Asyl werden und bald verwandle ich mich in eine Libelle oder Wespe, um den Nektar einer Springkrautblüte zu schlürfen…

Ihre immer gegenständliche Malerei hat sich doch stetig entwickelt von einem dunkel-konturierten Stil bis zum Pastosen und nun „Flüssigerem“, Lasierendem. Die Sujets Ihrer Bilder strahlen dabei weder Fröhlichkeit noch Depression aus, ist dieser Gleichmut ein Ergebnis der Brechung der Bildobjekte?
Ich versuche eines zu vermeiden: Pathos! Pathos jeder Art. In unserer Zeit hat es nichts mehr verloren. Es wäre schlimm, ließe sich meine Malerei für irgendetwas instrumentalisieren. Die Sachen stehen für sich, laden zum Schauen ein. Ermöglichen vielleicht Reflexion und Dialog, wohin dieser auch immer führen mag.Was die Malerei und die Sujets angeht, so ergibt das eine das andere: das Lasierende ist angebracht für Landschaften, für das flirrende Sonnenlicht. Dabei ist alles in Bewegung, nichts statisch. Alles fließt… Farben, Licht…

*Albert Kirchengast, Student in Graz und freier Mitarbeiter des „Falter“


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