WOLFGANG WIEDNER

ERLKÖNIG IM ELFENBEINTURM


Eröffnung:
Dienstag, 4. Dezember 2007, 19 Uhr

Ausstellungsdauer:
5. Dezember 2007 bis 19. Jänner 2008

Öffnungszeiten:
Mo – Fr: 10 – 13 Uhr, 14 – 18 Uhr; Sa: 10 – 13 Uhr
Adventsamstage: 10 – 18 Uhr

Katalog zur Ausstellung:
Wolfgang Wiedner, Erlkönig im Elfenbeinturm, Text von Wilhelm Hengstler, 67 Seiten, Graz, 2007 ISBN 978-3-9502077-4-3, Preis: EUR 12,–

Malkurs mit Wolfgang Wiedner:
Hortus Niger, Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst und Hoke-Schule
16. – 22. Juni 2008, Schloß Halbenrain, A-8492 Halbenrain 220
Infos unter: www.hortus-niger.com

Die Ölmalerei gilt als Königsdiziplin der Malerei – und Wolfgang Wiedner ist eines ihrer ungekrönten Häupter. Er herrscht in einem Bilderreich, dessen Motive nur auf den ersten Blick so überschaubar und vertraut erscheinen. Je tiefer man sich aber in diese Bilderwelten hinein begibt, desto vielfältiger und überraschender werden sie.

Wolfgang Wiedner stellt Ausstellung und Katalog unter das Motto „Erlkönig im Elfenbeinturm“. Das unheimliche Gedicht über die Verführung des Kindes durch den Erlkönig kann als Goethes Vorwegnahme einer naturmystisch geprägten Romantik gelesen werden. Das phallisch-beinerne Bauwerk aus König Salomons „Hohem Lied“ gilt ursprünglich als Bild für Schönheit und Unschuld. In der Lauretanischen Litanei wird die Muttergottes mit „Du elfenbeinerner Turm“ angerufen. Erst im 19. Jahrhundert beim französischen Literaturkritiker und Schriftsteller Charles-Augustin Sainte-Beuve wird der Elfenbeinturm zum Sinnbild für Künstler und Intellektuelle, die ohne Interesse für Gesellschaftliches sich ausschließlich ihrer frei gewählten Aufgabe widmen.

Indem Wolfgang Wiedner sich fast ausschließlich leblosen, unauffälligen Gegenständen aus seiner unmittelbaren Umgebung widmete, schien es, als zöge er sich von der Welt zurück. Seine Interieurs können als Bestandsaufnahme aus dem Inneren dieses Elfenbeinturmes gelesen werden. Die Darstellung des Alltäglichen bedeutet für ihn beileibe nicht die Akzeptanz der herrschenden Zustände, sondern eher einen stummen Protest gegen sie. Aber beinah jeder hat schon einmal Wachträume von einem verborgenen Reich phantasiert. Der Zugang zu diesen geheimen Welten liegt wie im „Dritten Mann“ im Inneren einer Litfasssäule oder hinter dem geräuschlos aufschwingenden Granitblock eines Brückenlagers. Es sind Tagträume der Empörung, in denen Ohnmacht zur Macht imaginiert wird, man denke nur an die Ballade der „Seeräuberjenny“ in Brecht`s Dreigroschenoper.

Es gibt Maler, die den Bildrand, das vermeintliche Ende der von ihnen erschaffenen Welt, mit einbeziehen. Andere inszenieren dazu im Gegensatz extreme Bildausschnitte. Ähnlich manchen Filmen, in denen es gerade um das Unsichtbare geht, das jeden Moment durch den Bildausschnitt hereinbrechen kann, sind auch Wolfgang Wiedners Bilder vor allem von einer Abwesenheit, also von der unsichtbaren Anwesenheit ihres Schöpfers bestimmt. Gelegentlich setzen sich Bildtitel wie „Die Versuchung“ (1988) der vorherrschenden Lakonik zum Trotz durch und signalisieren, von der delikaten Lichtdramaturgie verstärkt, eine Art Spiritualität. Man kann sagen, dass Wolfgang Wiedners Bilder vom Verweigern des Erzählens erzählen. Er lädt seine Bilder vielmehr mit unausgesprochenen Botschaften auf und verdichtet sie mit Schweigen. Der Anblick dieser monolithischen Stillleben kann dem Betrachter allerdings ein moralisches Ohrensausen verursachen.

Wolfgang Wiedner hat seine Interieurs ungefähr beginnend mit seiner Übersiedlung nach F. um Landschaften erweitert. Ausgangspunkt insbesondere für die Aulandschaften sind digitale Fotografien, die Wolfgang Wiedner von seinen Ausflügen in die Dschungel der Raab mitbringt. Womit man wieder bei dem durch den Elfenbeinturm jagenden Erlkönig wäre. Zwei Bildtypen scheinen einer proteushaften Unbestimmtheit beziehungsweise einer logischen Ordnung zu entsprechen. Der magischen, wuchernden Fruchtbarkeit der Raabwälder stehen sequentielle Folgen von Äpfeln, Farbdosen oder Blüten vor in sich wunderbar kolorierten Hintergründen gegenüber, erscheinen wie der Entwurf einer logischeren, perfekteren Utopie. Sinnfälliger kann die Spannung zwischen Erlkönig und Elfenbeinturm, zwischen den Metamorphosen der Weiden und Erlen zu mächtigen Geistern und in sich ruhender Rationalität schwerlich gemalt werden. Wolfgang Wiedner hat im Rahmen seines Handwerks nicht nur unterschiedliche Bildideen, Lichtstrategien, Farben und malerische Valeurs entwickelt. Mit einer üblicherweise der Grundlagenforschung vorbehaltenen Konsequenz hat er auch zwei unterschiedliche Lebensmodi ausgetestet.

Während die Kleinformate in ihrer präzisen Charakterisierung sketchhaft wirken, blenden die Landschaften geradezu mit einem Superrealismus. Ursprünglich entwickelte der Maler seine Themen aus den mit großzügigem Pinselstrich pastos aufgetragenen Farben. Dagegen ist auf den Bildern der letzten Jahre der Farbauftrag fast lasierend und gerade die wuchernde Genauigkeit in Bildern wie „Waldklee“ reizt die Sinne des Betrachters. Fast lässt sich von einer dialektischen Gegenbewegung sprechen. Fühlte sich der Betrachter der früheren Bilder den Betrachter sogleich von ihrem Raum umfangen, passiert es ihm vor den wuchernden Landschaften, dass er sich erst einen visuellen Pfad suchen muss. Dafür ist diese Dschungelnatur augenblicklich in all ihrem ganzen superrealistischen Glanz wahrnehmbar, während die pastoseren Arbeiten eine kontemplative Entschlüsselungsarbeit fordern.

Der Maler, der früher so sehr auf Distanz zur schönen Oberfläche ging, bietet nun den Sinnen ein elegantes, wenn auch immer noch vertracktes Spiel. Die Palette, früher von gedeckten Braun oder – Grautönen beherrscht, umfasst nun ein licht dahinströmendes Farbspektrum. Der Farbauftrag ist zarter geworden, die Schichten liegen irisierend übereinander. Komplementärfarben werden ganz ohne ästhetische Fouls gegeneinander gesetzt, zartes Blau neben Rosa, Orange neben giftigem Violett, unendlich viele Abstufungen von Grün, mit dem der Maler seinen fruchtbaren Frieden geschlossen hat.

Genau genommen verweist der Titel „Erlkönig im Elfenbeinturm“ auf eine neue, mögliche Entwicklung. Er trennt die beiden Ansätze ja nicht durch ein „und“ sondern durch ein „im“. Was die beiden Begriffe gewissermaßen in einer Synthese miteinander verschmelzen lässt. Einige der neueren Bilder zeigen dieses Zusammengehen von Natur und rationaler Ordnung. Vielleicht ist Wolfgang Wiedner gar kein Bewohner des Elfenbeinturmes. Vielleicht ist er gar dessen Erbauer. Vielleicht ist er der geheimnisvolle Erlkönig einer Gegenwelt, in der Wald- oder auch Stadt-Dschungel das Auge täuschen, ausgequetschte Farbtuben sich wie Lebendiges krümmen und Kleefelder zu einem glitzernden Meer werden. Oder vielleicht ist er der Reiter, der auf seiner Palette dahinjagend, den Erlkönig erfindet. Und wir…?
Wilhelm Hengstler