Der Künstler Johannes Deutsch ist ein Laborant und
Experimentator. Er ist mit gefundenen Lösungen und auskalkulierten Kompositionen niemals von vornherein zufrieden und
betrachtet jede graduelle Veränderung auf seinem Bildwerdungspassionsweg als Zwischenlösung,
Vorstufe, Primärmaterial, Ausgangspunkt für neue, weitere, intensivere Recherchen zu den
Grundthemata seiner künstlerischen Anliegen. Er ist ein Manipulator und Drahtzieher, ein
Alchimist in den virtuellen Katakomben der digitalen Bildmedien und ein Maler mit surrealem
Impetus voll magischer Phantasmagorik. Seine malerischen Bildgestaltungen situieren sich in
einem munchischen Szenario von Isolation und Psychologisierung des Daseins, in einem
Ambiente von Diskontinuitäten und Kommunikationslosigkeit wie sie auch in Strindbergs vom
seelischen Polarlicht dämonisch erhellten Geschichten auftauchen.
Im Laboratorium, im wissenschaftlichen Kabinett des Johannes Deutsch amalgamieren die
unterschiedlichsten Bildfindungen, Medien, menschlichen Imagologien zu simultanen
Bilderketten in den verschiedenen Reifestadien und Aggregatzuständen: zyklisch oder friesartig
angeordnete Computerausdrucke, vom Monitor fotografisch generierte Fotosequenzen,
malerisch überzogene Raumflächen, digital hergestellte Interieurs, transparent entmaterialisierte
Projektionen, filmgleich ablaufende Bilderkader, medial verfestigte Licht- und
Raummanifestationen – die Sprachlichkeit der Bildfindungen von Johannes Deutsch kennt ein
reiches Vokabular, die Aussagen umkreisen jedoch die gleichen Themenkomplexe rund um die
Befindlichkeit von Menschen, die Bezüglichkeiten und die Kommunikation, die Macht der Erinnerung
und die Potentiale der Imagination.
Die Auflösung von Grenzen
Das Werk von Johannes Deutsch widersetzt sich einem kunsthistorischen Purismus. Für seine
Bildfindungen ist es nicht sinnvoll, von Fotografie, Malerei, Objekt, Installation zu sprechen, es
lassen sich keine herkömmlichen Kategorisierungen vornehmen. Vielmehr bietet sich eine Art
von psychologischem Rüstzeug an, um sich seinen Arbeiten zu nähern: Deutsch geht von
imaginativen Prozessen aus, von bildgewordenen Erinnerungen und Erfahrungsräumen, von
unmittelbar wirksamen Bezüglichkeiten in seinem unmittelbaren Ambiente, in seinem authentischen
Lebensumfeld. Die fotografischen Bildnisse seiner Frau, seines Sohnes, durch
jahrelange Manipulations- und Adaptionsprozesse gleichsam zu Ikonen nobilitiert, tauchen in
seinen Bildsequenzen allenthalben auf, auch die Porträts von einzelnen Personen aus seinem
Freundeskreis werden gleichsam zu Prototypen; sie bilden das Urgestein, aus dem neue Bilder hervorwachsen und
vereinigen sich in inhaltlich immer und immer wieder recycelten und
umgedeuteten Raum-Zellen zu gänzlich hermetisch anmutenden Bild-Komplexen.
Die Fotografien dienen Johannes Deutsch gleichsam als Bedeutungsspeicher, die in ihrer
dicht verwobenen Konnotation inhaltliche Assoziationen abgeben.
Der Stellenwert der Fotografie ist demnach kein untergeordneter oder zeitlich vorausgehender
im Vergleich mit der Gesamtkomposition. Die Kunstgeschichte kennt diverseste
Arten von Kombination und Relation von Fotografie und Malerei im Werk von bildenden
Künstlern. Keine davon findet auch nur eine ähnlich orientierte Anwendung im Werk von Johannes
Deutsch, weder die auf Kontrasten basierende Kombinatorik der Collage, noch die
studienartige Verwendung der Fotografie als Vorstufe für Gemälde, weder die materialverleugnende
Projektion im Fotorealismus, noch die transgredierende Camouflage der Pop-Art.
Die Serien und Raum-Bilder von Johannes Deutsch agieren als Mechanismen zur Auflösung
von Grenzen und Grenzziehungen. Paul Virilio konstatiert eine "Krise der Fotografie", hervorgerufen
durch Pixelbilder, digitale Fotopools, manipulierte Aufnahmen und den Übergang
"von der analogen zur numerischen Darstellung. Im Zusammenhang mit den neuen Apparaten,
dem Ende des Films und der Entdeckung der Diskette" ortet er das Ende der
Fotografie, "denn was mit der Digitalisierung beginnt, hat mit Fotografie nichts mehr zu tun."
Johannes Deutsch hat dieses reflexive Dilemma vorweggenommen, indem er sich nie dem
Purismus des analogen fotografischen Bildes verschrieben hat und andererseits seine Anliegen
und seine Imagologie auch nie der Malerei, der Plastik, der Architektur ausgeliefert hat. Seine
digitalen Eingriffe und Adaptierungen, seine manipulativen Aneignungen und seine kategorialen
Kindesweglegungen machen seine Bilder zu unbehausten, unverorteten Vagabunden in der neuen Kunstgeschichte.
Die diskrete Projektion
Am Anfang der Geschichte der Malerei im Abendland steht "durchgängig das Ideal der täuschenden
Ähnlichkeit" und damit eine intendierte Sinnestäuschung, die das Bild für das Dargestellt
nimmt. Die Emotionalität von Kunst wird erst als eine eigene Qualität erkannt zu einem
Zeitpunkt, als das Bild aus der Verpflichtung zur möglichst "realistischen" Wiedergabe der
Welt entlassen war und sich damit auf Projektionen von Wirklichkeit verlegen konnte. Das Atmosphärische
des Impressionismus, die formalen Heftigkeiten des Expressionismus, das suggestiv
Assoziative des Surrealismus und das Transzendierende der abstrakten Malerei konnten
sich erst etablieren, als die Bildgegenstände sich von der inhaltlich definierten Aussagegewalt
befreit hatten. Die Projektion von emotionalen Werten in die Bildschemata konnten sich dem
gemäß von den Bildgegenständen ablösen.
Unmerklich, gleichsam subkutan vollzieht sich die Projektion von Inhalten in komplexe
bildliche Kompositionen – die diskrete Projektion wäre damit das Einbringen von Gefühlsvaleurs,
von Potentialen wie Erinnerung, Verunsicherung, Neugier, subjektive Assoziationen in
eine Bildwirklichkeit, die zunächst andere Qualitäten ausstrahlt, die zunächst auf Lesbarkeit,
auf "Verstehen" angelegt ist. Johannes Deutsch' computergenerierte Bildsequenzen appellieren in erster Linie an einen
kritischen Rationalismus im Betrachter. Die Prints sind prima vista als Ergebnisse von technologischen
Prozessen zu lesen und der Betrachter sucht in seinem Decodierungsrepertoire
nach entsprechenden Kriterien. Daneben stellt sich jedoch die optische Qualität der Arbeiten
als malerische Kategorie ein und verlangt nach einem weiteren, anderen Lese-System. Und die
nunmehr festgestellte diskrete Projektion von emotionalen Werten kondensiert sich als Synthese
dieser Leseverfahren heraus, die einerseits die bisherigen Parameter unnütz erscheinen
lässt, andererseits die Tür aufstoßen kann zu einer komplexeren Art der Wahrnehmung.
Nachdem es eine vorurteilslose, unvoreingenommene Beobachtung nicht geben kann, bringt
jeder Betrachter sein Bündel an Erfahrungen, Sehgewohnheiten, Assoziationen mit, um die diversen
Bildebenen zu lesen. Johannes Deutsch, der Bild-Manipulator und Wirklichkeiten-Kreator, der Spezialist für
artifizielle Bildgenerierung und digitale Bildpoesien bedient sich der Strategie der Projektion,
um seine Bildfindungen, seine Imagologie in den Raum der Emotionalität zu integrieren.
Der vollkommene Raum
Im Paragone-Streit, dem gelehrten Disput der Renaissance-Künstler über die Vorherrschaft innerhalb
der künstlerischen Disziplinen, trägt die Architektur den Sieg davon – eine Metapher,
die von großen Ambitionen und ebenso großen Defiziten kündet. Immer hat es in der Malerei
das Bestreben gegeben, Bild-Räume zu gestalten, bzw. architektonische Volumina zu schaffen,
die zur bloßen Manifestation des Bildlichen gedacht waren. Dort, wo der gestalterische Wille des
Malers erst nach der in die Welt gesetzten Raumschöpfung dazutritt, lassen sich verschiedene
Stufen und Ansinnen der Raum-Bewältigung feststellen, von der reinen Wand-Dekoration zur
Flächenfüllung, von der kongenialen Ergänzung bis zur behübschenden Applizierung.
Die gotische Struktur von Santa Maria del Carmine in Florenz ließ dennoch eine bildnerische
Wandgestaltung aus der Frührenaissance durch Masolino und Masaccio zu, die in ihrer
narrativen Erzählstruktur und bühnenartigen Verdoppelung von Architektur ein in sich geschlossenes
Raum-Ganzes ergibt. Giulio Romano hatte da als gleichermaßen Maler und
Architekt ganz andere Voraussetzungen bei der Gestaltung seiner Camera dei Giganti im
Palazzo del Te nahe Mantua, indem er sich die Proportionen, Raumeinteilung und Wandflächensystematik
den Kriterien der manieristischen Malerei entsprechend selbst schaffen konnte.
Die Kreation des idealen Raumes war ein Anliegen der Renaissance, die – von der Antike
ausgehende – an vollkommenen Raummaßen interessiert war. Das Verhältnis von Grundriss
und Höhe wurde aus dem Goldenen Schnitt entwickelt, die Proportionen von Länge und
Breite entsprachen dem griechischen Kreuz, die architektonischen Gliederungen und die
Wandflächen stellten ein System dar, basierend auf der malerischen Wirkung von Licht und
Schatten, auf der tektonischen von Stützen und Lasten, auf der emotionalen von transzendenter
Verklärung – so verwirklicht in Brunelleschis Pazzi-Kapelle in Santa Croce in
Florenz, einem "der vollkommen schönen Räume" wie Jakob Burckhardt feststellte.
Die ideale Kombination von Bild und Raum konnte auch Mark Rothko in seinem
Meditationsraum nicht umsetzen; er ging von einem an sich leeren Wirkungsraum und sozusagen
architektonisch nicht existenten Wänden als Trägerflächen für seine Leinwandbilder aus.
Die Computerwand- und Deckenbilder von Johannes Deutsch sind ein weiterer, aktueller
Beitrag zur Problematik von Bild und Raum, von Künstler-Räumen und der Verklammerung
von malerischen und räumlichen Qualitäten in neu zu definierenden Bildschemata.
Sein für die Ars Electronica 2002 entwickeltes Projekt für den Erfahrungsraum "Cave", sein
"Gesichtsraum" ist symptomatisch für Deutsch' Strategie der Integration verschiedenster
Bildstrategien in einen Bildkomplex: der Besucher begibt sich in das Innere eines geschlossenen
Systems, dessen Raumgrenzen von Bildprojektionen auf transparenten Wandfolien
gebildet werden. Die Reaktionen und Interaktionen zwischen Betrachter und Bild werden vom
Begeher mittels seiner Bewegungen und Aktionen gesteuert und bedingt.
Für Johannes Deutsch stellen diese Bedingungen eines realen Raumes und eines artifiziell
gesteuerten Dialoges zwischen Objekt und Rezipient die Kriterien seines idealen Raumkonzepts dar.
In den Bild-Sequenzen und Wand-Deckenbildern manifestiert sich die Entwicklungsgeschichte
der bildlichen Recherche von Johannes Deutsch: der malerisch-optische Prozess
und die Bilderreservoirs der fotografischen Archive verschmelzen zu einer Raum-Sphäre, in die
der Künstler seine Emotionalität, seine kreative Intuition, seine historischen Implikationen und
subjektiven Obsessionen einbringt, sie stellen ein pars-pro-toto für seine Weltauffassung dar,
die das Machbare auslotet und das Unwägbare anpeilt, die Rationalismen benützt und
Phantasmagorien kreiert und die von einem Bilder der Wirklichkeit ausgeht, das in kalkulierten
technologischen Prozessen erarbeitet wird und dennoch sinnliche Erfahrbarkeit zulässt.
Margit Zuckriegl: Johannes Deutsch. Das Bild des Raumes. In: Computerbilder 1989–2002, Triton Verlag, Wien 2002
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