Splitternde Perspektiven
von Kerstin Braun zu den zeichnerischen Arbeiten von Sabina Hörtner
Sabina Hörtner verwendet als Arbeitsmittel für ihre Zeichnungen industriell gefertigtes, unprätentiöses Material, das allgemein
gebräuchlich und überall erhältlich ist: Edding Marker, einfache Filzstifte. Dass die Künstlerin dem mit dem Kunstbegriff
verbundenen Pathos entkommen möchte, zeigt sich nicht nur hier, sondern auch in ihrer Intention, weniger bleibende Werke zu
schaffen, als zu intervenieren, Situationen zu erzeugen, variable Möglichkeiten des Umgangs mit räumlichen Vorgaben auszuloten.
Ihre Bestrebungen realisiert die Gironcoli-Schülerin in verschiedenen Medien wie der Skulptur, der Rauminstallation und der
Zeichnung, immer aber unter Einsatz der einfachen, geraden Linie.
TARGET VISITOR
Kurt Stadler, 10. 07. 2003
ist eine Variationsreihe, die sich aus der Kombination von Pétanquekugeln mit Teleskopantennen, an deren Enden dreh- und
neigbare Spiegel sind, konstituiert. Aus der Dichotomie des niedlichen Überwachungsinstruments, des harmlosen
Pensionistenspiels mit kriegerischem Ursprung, sowie der Deplacierung der Konjunktion dieser Elemente in den White Cube,
bildet sich eine topologisch relevante spatiale Inversion.
gleich + ungleich zugleich
über schichtbilder von alfred resch
6 - 20.000 hz, 380 - 780 nm, 120 db, 25 bilder pro sekunde...
mit diesem mehr als bescheidenen spektrum der wahrnehmung unserer äußeren umwelt wollten wir uns nie zufriedengeben, immer auf
der suche sowohl nach dem kleinsten als auch nach dem größten, das uns der erkenntnis näherbringen soll, was die welt in ihrem
innersten und äußersten zusammenhält. nur mit hilfe immer besserer "prothesen" versuchen wir seit jeher dieses manko
auszugleichen, um festzustellen, daß sich die dinge mit größer werdender entfernung, aber auch je weiter wir in ihr inneres
vordringen, immer ähnlicher werden.
somit macht es wenig unterschied, ob wir die welt durch ein mikroskop oder durch ein teleskop betrachten: immer eröffnet sich
uns ein kosmos, eine ordnung unterschiedlicher welten, deren systeme wir nie imstande sein werden umfassend aufzuklären. je
mehr wir wissen, desto durchlässiger werden zuvor definierte grenzen der disziplinen. paradigmen von der quantifizierbarkeit
der welt sind abgelöst von der erkenntnis, daß komplexe systeme immer erst mit einem gewissen grad an unbestimmtheit imstande
sind, flexibel auf sich ändernde bedingungen optimal zu reagieren - in der natur würde man sagen, um das überleben zu
gewährleisten. so wird sich auch der genetische code des menschen wohl weiterhin seiner vollständigen entschlüsselung
entziehen. und auch die entdeckung des "reinen zufalls, der information aus dem nichts" hat die vorstellung von der
physik als nahezu abgeschlossene wissenschaft in völlig neue bahnen gelenkt.
die bedeutung der dinge ergibt sich aus der differenz, jenem mitunter vernachlässigbar gering erscheinenden unterschied, der
über das besondere entscheidet, und welcher gemessen am gesamtsystem doch wieder verschwindend klein bleibt!
das individuelle relativiert sich eingebettet in ein gesamtsystem, immer überlagert von einem nächsten, ein nicht enden
wollender prozeß mit offenem ausgang. ausschnitte gewähren einblicke, fenster ausblicke: dem betrachter steht es frei, sich
zum quant oder zum galaxiehaufen zu zoomen durch farbschichten hindurch, durch systeme intuitiv entstanden im ständingen
oszillieren zwischen freilegen von zuvor verdecktem, um es im nächsten moment wiederum zu ueberlagern. ein permanentes
wechselspiel der bedeutung des unterschiedes für das einzelne und seiner relativen bedeutungslosigkeit im gesamtkontext,
vergleichbar mit dem grashalm, der nur innerhalb eines bestimmten ausschnittes als solcher wahrgenommen wird, um mit größer
werdender entfernung schon bald wieder im gesamtbild wiese zu verschwinden als einer von unzähligen ähnlichen bis gleichen. in
der anderen richtung - unter dem mikroskop betrachtet - präsentiert er sich in dynamischen strukturen bewegter organismen,
kaum unterscheidbar von mikroskopien anderer lebewesen, als grashalm existiert er lediglich in unserer vorstellung.
vielschichtigkeit beschreibt nicht bloß den interpretativen charakter der schichtbilder, vielmehr sind die "vielen
schichten" sichtbare umsetzung der unterschiedlichen ebenen in form und farbe, die sowohl über die bildränder
hinausdrängen als sich auch räumlich in die tiefe fortsetzen. offen bleibt die einstellung des rezipienten zum bild im sinne
von mikro oder makro genauso wie die frage nach dem, was wesentlich ist: das individuum in seiner besonderheit, der grashalm
oder die summe, die vielheit, die erst ein ganzes ergibt, die wiese oder aber ganz einfach beides: gleich und ungleich
zugleich eben?
mag. ute angeringer, 2000 10 18
Rätselhafte Geometrie - Franz Pichler
von Wilfried Skreiner
... die er, in einer logischen Weiterentwicklung und als Antwort auf die Tendenzen des Neo-Geo zu immer strengeren härteren
Gebilden ausformte. Seine räumlichen Objekte in der Kontinuität der sich entwickelnden Einzelform scheinen der Geometrie
verpflichtet. Einfache, aber sich komplizierende Gebilde, die sich entwickelnden Einzelformen räumlich ausbreiten,
übereinanderschichten und so dem Blick des Betrachters das Vertrauen auf ihre Lesbarkeit entlocken. Er, der Betrachter, glaubt
sich sicher, diese Formen - gleichsam wie die im Raum stehen gebliebenen Ausformungen einer sich vollzogen habenden Bewegung -
lesen zu können, und er beginnt an einem Punkt der Bewegungsbahn zu folgen. Aber früher oder später muß er bemerken, daß die
scheinbare Kontinuität durchbrochen ist, die Überschaubarkeit sich auflöst und das Objekt ihn in eine Irritation hineinstürzt,
die aus der ironischen Antwort auf das Neo-Geo resultiert. Pichler verwendet substanziele Farben, ein kräftiges Gelb,
Violettrosa, Grün, direkt aus den Farbmustern der Lackfabriken entnommen. Es sind dies die Farben unserer Umwelt, die in
größerem Maß unser Leben beherrschen als wir zugeben möchten, und diese hervorgehobene Einfarbigkeit verwandelt den Charakter
seiner Gebilde gründlich: die formale Härte wird durch die aufgetragene Farbe weich, verfremdet, in ihrer materialität nicht
mehr durchschaubar, erhält den Charakter eines Fargebildes mit der schockierenden Qualität der Werbefarben. So sind diese
Gebilde mehrdeutig und trotz ihrer scheinbaren Klarheit rätselhaft, verdeutlichen die in ihr wohnende Ironie ...
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