 |
 |
 |
 |
Unterwürfelte Welten
Alois Neuhold, Rudolf Pointner |




|
Die erste Ausstellung im heurigen Jahr ist zwei steirischen Künstlerpersönlichkeiten unterschiedlicher Generationen gewidmet:
dem Altmeister Rudolf Pointner und Alois Neuhold. Trotz der zeitlichen Distanz von fast einem halben Jahrhundert, der beide
Künstler trennt erkennt man in ihren Arbeiten sehr viele ähnliche künstlerische und ideologische Ansatzpunkte.
Die farb- und ausdrucksstarken Arbeiten beider Künstler zeugen von intensiver Erzählfreude. Die nicht immer auf den ersten
Blick enträtselbaren Gegenständlich aber nicht der realen Wirklichkeit entnommen. Nicht immer auf den ersten Blick lesbar
Motive bärgen ein Rätsel, sie sind doppeldeutig und Hintergründig. Trotz der generationmäßigen zeitlichen Gegensätze ergänzen
sich die präsentierten Arbeiten und bieten eine spannende Gegenüberstellung zweier starken individuellen Positionen innerhalb
der steirischen Kunst. Motive stammen aus Bereichen der Märchen, der Poesie und der Phantasie gepaart mit historischen
Hintergründen.
So manches Bildwerk erinnert an fremde Kulturen, wie die der Maya oder Inka. Sowohl Pointner als auch Neuhold sind
Individualisten ihrer Kunst, die sich keiner bestimmten Richtung zuordnen lassen. Interesse für Arbeiten von Paul Klee.
Neuhold schrieb während seines Studium der kath. Theologie, eine Diplomarbeit über Paul Klee. Pointner stellte 1955 in seiner
langjährigen Funktion als Präsident der Sezession Graz erstmals Arbeiten von Paul Klee in Graz aus.
Der Poet unter den Malern, Alois Neuhold, ist bei der Weihnachtsausstellung 1998 in der Galerie Schafschetzy Studio zu Gast.
Der Steirer präsentiert seine gewohnt kunterbunten Bilder diesmal teils auf Leinwänden, teils auf Papier, sodaß sie - auf
diesem Malgrund - an Votivtafeln erinnern. Formal trifft dies auch zu, aber inhaltlich schlägt Alois Neuhold, der bereits zum
wiederholten Mal hier ausstellt, dem Betrachter ein Schnippchen. Seine bunten Kunstwerke sind hintergründiger, als sie a priori
scheinen. Eine Hilfe zur Entschlüsselung manch rätselhafter Motive bieten die Titel; da lautet es etwa:
"Herzoffenblättrig stehen sie da, die unglücklich Verliebten", "Über den Dächern ist das Leben wohl
hundeweich", oder "Der Sternhorchende und sein stilles Melonenschinakel".
Auch was die Motive angeht, ist Alois Neuhold äußerst erfinderisch: Diese vielschichtigen Komponenten in einen Farbtopf
getaucht und auf Leinwände fixiert und schließlich mit den eigenen - oft recht kritischen - Gedanken des phantasievollen
Künstlers Neuhold vollendet, reichen aus, um bei einem Rundgang in der Galerie in eine Welt der Träume und der Phantasie
einzutauchen.
|
Der Bilderspinner von St. Morgen
Alois Neuhold
Es war einmal ein Bilderspinner. Er lebte in einem Gartentopf nahe bei St. Morgen. Dort malte und pflanzte er Bilder und
Blumen. Zeitmaschige Kunsthubschrauber und Trenduntertassen konnten ihn nicht erreichen, denn er war nicht von hier. Er war
auch nicht von wir. Die Unterstüberl früher Kulturen waren ihm näher als die Plastiküberzieher des 20. Jhds.
Der Bilderspinner war ein Farbfädelspinner. Fast täglich knüpfte und webte er aberviele Stunden und Sterneimer eine Schicht um
die andere, ein Mondfässchen unter das andere. Er malte vorwiegend kleine Bilder, oft sogar sehr kleine. "Die Luke des
Lebens ist klein. Nur unvermurkste Kinder und Ameisen gelangen in dieses Himmelreich", pflegte er zu sagen. Und: Seine
Bilder waren äußerst dicht und farbig gesponnen. So energiegeladen müssen sie sein wie Samensonnen, so prachtfarbern wie
Blütenbottiche, so transparentgläsern wie Regenbogenfedern. Übrigens: Der Bilderspinner war ein Kleinneffe und Großfakir des
regenbogenjonglierenden Walnussmalmeisters.
Der Bilderspinner malte sehr sinnlich und figurativ. Alles hier auf Erden musste konkret Leib, Fleisch und Gestalt annehmen.
Abstraktes Herumirren und Schwirren mag im späteren Jenseits vielleicht eine gewisse Bedeutung haben, dachte er. Trotz
überquellender Farb-Form und Linearfülle waren seine Bilder äußerst streng und genau komponiert. Jedes winzigste Strichchen
musste am richtigen Stuhl sitzen und platzen. Da war kein Raum für beliebiges Dahinkrähen.
Das Viele zu seiner Zeit Gestaltete bewegte ihn wenig. Das Meiste schien ihm zu zeithastig und saftschwach, zu großeinfach und
medienflott, mit zu wenig Leib- und Lungeneinsatz gefüllt. Er wusste aus eigener Erfahrung: man müsse sich einkasteln und
einsiedeln, machmal auch einsieden und an seinen Bildern Kniee, Seele und Geist gründlich durchscheuern, wenn was Tieferes
herausschauen soll.
Der Bilderspinner sah seine Bilder als Glasfenster einer unterwürfelten Welt, aber auch als Energiebündelfelder, als
Wunschwundertafeln, als Zauberbehältnisse und Schaukästen in ein schillernd pulsierendes Figurium, als Farbkarrenleiter ins
große Erdeini- und Himmelausitheater. Sie schienen ihm auch eine notwendige Korrektur zum Allzuzeittrüblichen und Üblichen
seiner Zeit. Ganz gegen so manches Zeitgeratter glaubte er noch an die magische Kraft und Wirkung handgemalter, vielfach und
lange durchstrickter, durchwerkter und mit Herzbein durchwirkter EchtzeitleibBILDER.
Und da er nicht gestorben ist, malt und spinnt er unbeirrt weiter bis an sein seliges Ende. Und dies nicht aus naiver
Dummgläubigkeit, sondern aus tiefer Überzeugung und innerer Einsicht.
|