KAREN HOLLÄNDER. Verwicklungen
"Dem Blick wohnt aber die Erwartung inne, von dem erwidert zu werden, dem er sich schenkt", so Walter Benjamin.
(Benjamin/1972. S.512) Doch selbst dort, wo Karen Holländer sich selbst malt, entzieht sich ihr Blick dem Betrachter. Die
Künstlerin im Narrenturm, im Rückenakt auf einer Betonbank oder am Sofa liegend - stets ist die Atmosphäre leicht
beklemmend. Die Porträts geben vor allem Holländers inneren Gemütszustand wieder. Die Künstlerin spielt zudem bewusst mit
dem Kontrast des weichen Körpers zur architektonischen Umwelt und malt sich liegend in Rückenansicht auf einer städtischen
Betonbank. Karen Holländer posiert nicht, und sie arbeitet auch nicht mit der Theatralik einer dramatischen Geste. Im
Gegenteil ihre Bilder sind sanft und zurückhaltend. Sie drängen sich dem Betrachter nicht auf und treffen doch
unmissverständlich auf ein kollektives Bewusstsein. Karen Holländers Malerei ist eine irritierende Intensität eigen,
die ausgeht von der ruhigen poetischen Lyrik ihrer Bilder, die Gemütslagen unmissverständlich und direkt wiedergeben
und dennoch die notwendige Distanz vermitteln. Sie geben nur soviel von der Künstlerin preis, als sie selbst für
notwendig empfindet, um ihre konzeptuell-inhaltlichen Anliegen zu transportieren. Karen Holländer arbeitet in ihren
Tafelbildern mit der Klarheit formaler Kompositionen. Die Ästhetik der geformten Landschaft, der Architektur und die
reduzierte Palette intensivieren die inhaltliche Thematik und dokumentieren zugleich die, den Motiven innewohnende
formale Schönheit. Die Fotografie stellt dabei in der Malerei von Karen Holländer einen Ausgangspunkt dar und dient als
Hilfsmittel für den malerischen Arbeitsprozess. Doch bildet das reale Motiv weder den alleinigen Inhalt noch die
formale Position des Bildes.
"Warum", fragte Sokrates in seinem Gespräch mit dem Maler Parrhasios, "ahmt ihr nicht auch die
seelischen Eigenschaften nach, das Überzeugendste, das Angenehmste, das Holdeste, das Begehrenswerteste, (...)‚
Parrhasios antwortete: "Wie könnte denn etwas nachzubilden sein, mein lieber Sokrates, das weder Gleichmass, noch
Farbe noch sonst etwas hat, wovon du eben sprachst, noch überhaupt sichtbar ist?." (Pakesch/2001, S.18) Das Abbild
als reine Darstellung von Pose und Physiognomie musste in der zeitgenössischen Kunst der Form des erweiterten Porträts
weichen. Gerade hier begegnen sich Fotografie und Malerei auf kongeniale Weise in einer Mischung von Realität und
Fiktion. Der Maler wird zum Beobachter des Alltags, folgt jedoch mit seinem Blick nicht der Oberfläche sondern versucht
hinter das nach außen hin Sichtbare zu schauen. Karen Holländer geht dabei auch von ihrer eigenen Befindlichkeit aus,
sieht sich selbst in ihrem Leben in der Stadt und vermittelt ganz nach den Forderungen von Sokrates eine innere
Gefühlswelt. Diese bildet jedoch anders als der Philosoph dachte, nicht nur das Holde, Entzückende und Angenehmste ab.
Karen Holländers Stimmungen haben stets auch mit ihrer Rolle als Frau zu tun, mit der Wahrnehmung der eigenen
weiblichen Körperlichkeit im Bezug zur Gesellschaft und zu ihrem Lebensraum. Die Künstlerin transportiert diesen
Tatbestand jedoch nicht ideologisch, oder als Aufforderung zu einer gesellschaftlichen Schubumkehr, sondern aus einem
individuellen Erleben und einer damit verbundenen reflexiven Auseinandersetzung heraus. Ihr eigenes Modell zu sein, ist
für Karen Holländer zugleich auch eine Weigerung dem Blick des malenden Künstlers ausgeliefert zu sein. Sie entsprechen
dem Wunsch, den Blick der Frau auf sich selbst zu richten, ihre eigenen Stimmungslagen freizulegen, sich selbst ein
Bild von sich zu machen, und nicht den Vorstellungen eines Anderen zu entsprechen. Daher könne sie auch ihre eigenen
Erfahrungen und Gemütszustände keinem weiblichen Modell aufzwingen, allzu schnell würde dies zur leeren Pose gefrieren.
"Ich male mich selbst, weil ich auch mit mir selbst zusammen sein muss." so die Künstlerin.
© Silvie Aigner, Oktober 2006
aus: Katalog "Karen Holländer. Verwicklungen", 2006, ISBN 3-9502077-2-4
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