WOLFGANG WIEDNER
ERLKÖNIG IM ELFENBEINTURM
Die Ölmalerei gilt als Königsdiziplin der Malerei - und Wolfgang Wiedner ist eines ihrer ungekrönten Häupter. Er
herrscht in einem Bilderreich, dessen Motive nur auf den ersten Blick so überschaubar und vertraut erscheinen. Je tiefer
man sich aber in diese Bilderwelten hinein begibt, desto vielfältiger und überraschender werden sie.
Wolfgang Wiedner stellt Ausstellung und Katalog unter das Motto "Erlkönig im Elfenbeinturm". Das unheimliche
Gedicht über die Verführung des Kindes durch den Erlkönig kann als Goethes Vorwegnahme einer naturmystisch geprägten
Romantik gelesen werden. Das phallisch-beinerne Bauwerk aus König Salomons "Hohem Lied" gilt ursprünglich als
Bild für Schönheit und Unschuld. In der Lauretanischen Litanei wird die Muttergottes mit "Du elfenbeinerner
Turm" angerufen. Erst im 19. Jahrhundert beim französischen Literaturkritiker und Schriftsteller Charles-Augustin
Sainte-Beuve wird der Elfenbeinturm zum Sinnbild für Künstler und Intellektuelle, die ohne Interesse für
Gesellschaftliches sich ausschließlich ihrer frei gewählten Aufgabe widmen.
Indem Wolfgang Wiedner sich fast ausschließlich leblosen, unauffälligen Gegenständen aus seiner unmittelbaren Umgebung
widmete, schien es, als zöge er sich von der Welt zurück. Seine Interieurs können als Bestandsaufnahme aus dem Inneren
dieses Elfenbeinturmes gelesen werden. Die Darstellung des Alltäglichen bedeutet für ihn beileibe nicht die Akzeptanz
der herrschenden Zustände, sondern eher einen stummen Protest gegen sie. Aber beinah jeder hat schon einmal Wachträume
von einem verborgenen Reich phantasiert. Der Zugang zu diesen geheimen Welten liegt wie im "Dritten Mann" im
Inneren einer Litfasssäule oder hinter dem geräuschlos aufschwingenden Granitblock eines Brückenlagers. Es sind
Tagträume der Empörung, in denen Ohnmacht zur Macht imaginiert wird, man denke nur an die Ballade der
"Seeräuberjenny" in Brecht`s Dreigroschenoper.
Es gibt Maler, die den Bildrand, das vermeintliche Ende der von ihnen erschaffenen Welt, mit einbeziehen. Andere
inszenieren dazu im Gegensatz extreme Bildausschnitte. Ähnlich manchen Filmen, in denen es gerade um das Unsichtbare
geht, das jeden Moment durch den Bildausschnitt hereinbrechen kann, sind auch Wolfgang Wiedners Bilder vor allem von
einer Abwesenheit, also von der unsichtbaren Anwesenheit ihres Schöpfers bestimmt. Gelegentlich setzen sich Bildtitel
wie "Die Versuchung" (1988) der vorherrschenden Lakonik zum Trotz durch und signalisieren, von der delikaten
Lichtdramaturgie verstärkt, eine Art Spiritualität. Man kann sagen, dass Wolfgang Wiedners Bilder vom Verweigern des
Erzählens erzählen. Er lädt seine Bilder vielmehr mit unausgesprochenen Botschaften auf und verdichtet sie mit
Schweigen. Der Anblick dieser monolithischen Stillleben kann dem Betrachter allerdings ein moralisches Ohrensausen
verursachen.
Wolfgang Wiedner hat seine Interieurs ungefähr beginnend mit seiner Übersiedlung nach F. um Landschaften erweitert.
Ausgangspunkt insbesondere für die Aulandschaften sind digitale Fotografien, die Wolfgang Wiedner von seinen Ausflügen
in die Dschungel der Raab mitbringt. Womit man wieder bei dem durch den Elfenbeinturm jagenden Erlkönig wäre. Zwei
Bildtypen scheinen einer proteushaften Unbestimmtheit beziehungsweise einer logischen Ordnung zu entsprechen. Der
magischen, wuchernden Fruchtbarkeit der Raabwälder stehen sequentielle Folgen von Äpfeln, Farbdosen oder Blüten vor in
sich wunderbar kolorierten Hintergründen gegenüber, erscheinen wie der Entwurf einer logischeren, perfekteren Utopie.
Sinnfälliger kann die Spannung zwischen Erlkönig und Elfenbeinturm, zwischen den Metamorphosen der Weiden und Erlen zu
mächtigen Geistern und in sich ruhender Rationalität schwerlich gemalt werden. Wolfgang Wiedner hat im Rahmen seines
Handwerks nicht nur unterschiedliche Bildideen, Lichtstrategien, Farben und malerische Valeurs entwickelt. Mit einer
üblicherweise der Grundlagenforschung vorbehaltenen Konsequenz hat er auch zwei unterschiedliche Lebensmodi ausgetestet.
Während die Kleinformate in ihrer präzisen Charakterisierung sketchhaft wirken, blenden die Landschaften geradezu mit
einem Superrealismus. Ursprünglich entwickelte der Maler seine Themen aus den mit großzügigem Pinselstrich pastos
aufgetragenen Farben. Dagegen ist auf den Bildern der letzten Jahre der Farbauftrag fast lasierend und gerade die
wuchernde Genauigkeit in Bildern wie "Waldklee" reizt die Sinne des Betrachters. Fast lässt sich von einer
dialektischen Gegenbewegung sprechen. Fühlte sich der Betrachter der früheren Bilder den Betrachter sogleich von ihrem
Raum umfangen, passiert es ihm vor den wuchernden Landschaften, dass er sich erst einen visuellen Pfad suchen muss.
Dafür ist diese Dschungelnatur augenblicklich in all ihrem ganzen superrealistischen Glanz wahrnehmbar, während die
pastoseren Arbeiten eine kontemplative Entschlüsselungsarbeit fordern.
Der Maler, der früher so sehr auf Distanz zur schönen Oberfläche ging, bietet nun den Sinnen ein elegantes, wenn auch
immer noch vertracktes Spiel. Die Palette, früher von gedeckten Braun oder - Grautönen beherrscht, umfasst nun ein
licht dahinströmendes Farbspektrum. Der Farbauftrag ist zarter geworden, die Schichten liegen irisierend übereinander.
Komplementärfarben werden ganz ohne ästhetische Fouls gegeneinander gesetzt, zartes Blau neben Rosa, Orange neben
giftigem Violett, unendlich viele Abstufungen von Grün, mit dem der Maler seinen fruchtbaren Frieden geschlossen hat.
Genau genommen verweist der Titel "Erlkönig im Elfenbeinturm" auf eine neue, mögliche Entwicklung. Er trennt
die beiden Ansätze ja nicht durch ein "und" sondern durch ein "im". Was die beiden Begriffe
gewissermaßen in einer Synthese miteinander verschmelzen lässt. Einige der neueren Bilder zeigen dieses Zusammengehen
von Natur und rationaler Ordnung. Vielleicht ist Wolfgang Wiedner gar kein Bewohner des Elfenbeinturmes. Vielleicht ist
er gar dessen Erbauer. Vielleicht ist er der geheimnisvolle Erlkönig einer Gegenwelt, in der Wald- oder auch
Stadt-Dschungel das Auge täuschen, ausgequetschte Farbtuben sich wie Lebendiges krümmen und Kleefelder zu einem
glitzernden Meer werden. Oder vielleicht ist er der Reiter, der auf seiner Palette dahinjagend, den Erlkönig erfindet.
Und wir…?
Wilhelm Hengstler
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